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Vorläufige Schutzmaßnahmen

Allgemeines

Im Gegensatz zum Leistungsangebot der Kinder- und Jugendhilfe stellt die Inobhutnahme von Kindern oder Jugendlichen nach § 42 SGB VIII eine Intervention im Krisenfall dar, die für das Jugendamt mit der Befugnis verbunden sein kann, den Aufenthalt des Minderjährigen – auch gegen den Willen der Sorgeberechtigten - zu bestimmen. Die Inobhutnahme dient dem Schutz des Kindes oder Jugendlichen in einer akuten Gefahrensituation. Eine Inobhutnahme kann entweder auf Bitte der subjektiv schutzbedürftigen Kinder oder Jugendlichen vorgenommen (Selbstmelder) oder als hoheitlicher Akt im Rahmen des Staatlichen Wächteramtes vollzogen werden. Widersprechen die Personensorgeberechtigten der Inobhutnahme, so hat das Jugendamt unverzüglich das Familiengericht anzurufen. 

Ergebnisse

In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Inobhutnahmen insgesamt, sowohl absolut als auch bevölkerungsbezogen, um das Dreifache angestiegen. Nach einer ersten leichten Aufwärtsbewegung der Inobhutnahmezahlen Ende der 90er, gefolgt von einem leichten Rückgang der Zahlen bis Mitte der 2000er Jahre, stiegen die Schutzmaßnahmen der Jugendämter in der Folgezeit erneut an, wobei vor allem zwischen 2014 und 2015 aufgrund der Maßnahmen bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die Fallzahl um 62% gestiegen ist. Rechnet man diese Subgruppe aus der Gesamtzahl der Schutzmaßnahmen heraus, zeigt sich insgesamt ein wesentlich moderaterer Anstieg und zwischen 2014 und 2015 sogar eine leichte Fallzahlensenkung um -3% (vgl. Abb. 1).

Bezogen auf die Altersgruppe der Säuglinge und Kleinkinder lässt sich seit 2005 ebenfalls ein relativer und absoluter Anstieg der Inobhutnahmezahlen beobachten (vgl. Abb. 2). 2017 wurden insgesamt 4.843 Säuglinge und Kleinkinder unter 3 Jahren sowie 2.822 der 3- bis unter 6-Jährigen in Obhut genommen (ohne unbegleitete Minderjährige). Schutzmaßnahmen in dieser Altersgruppe machen zusammen rund 19% der insgesamt vollzogenen Interventionen aus. 

Abb. 1: Entwicklung der Inobhutnahmen seit 1995 (ohne unbegleitete Einreise aus dem Ausland) (Deutschland; 1995-2017; Angaben absolut und pro 10.000 der altersgleichen Bevölkerung)

Quelle: Statistisches Bundesamt (versch. Jahrgänge): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Vorläufige Schutzmaßnahmen; Datenzusammenstellung und Berechnung des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund.

Abb. 2: Entwicklung der Inobhutnahmen bei Kindern unter 3 Jahren sowie bei 3- bis unter 6-Jährigen seit 1995 (ohne unbegleitete Minderjährige aus dem Ausland) (Deutschland; 2005-2017; Angaben pro 10.000 der altersgleichen Bevölkerung)

Quelle: Statistisches Bundesamt (versch. Jahrgänge): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Vorläufige Schutzmaßnahmen; Datenzusammenstellung und Berechnung des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund.

Abb. 3: Vorläufige Schutzmaßnahmen in 2017 (ohne unbegleitete Einreise aus dem Ausland) nach Alter der betroffenen Kinder (Deutschland; 2017; N=38.891; Angaben in Prozent)

Quelle: Statistisches Bundesamt (versch. Jahrgänge): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Vorläufige Schutzmaßnahmen; Datenzusammenstellung und Berechnung des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund.

Inobhutnahmen aufgrund von unbegleiteter Einreise aus dem Ausland

In Bezug auf die Inobhutnahmen aufgrund einer unbegleiteten Einreise aus dem Ausland ist zu unterscheiden zwischen den "vorläufigen" Inobhutnahmen von ausländischen Kindern und Jugendlichen nach unbegleiteter Einreise gem. § 42a SGB VIII und den "regulären" Inobhutnahmen nach § 42 Abs. 1 Nr. 3, die diesen Kindern und Jugendlichen im Anschluss an eine vorläufige Inobhutnahme bewilligt werden.

In beiden Gruppen machen die unter 3-Jährigen nur einen sehr geringen Anteil aus (vgl. Tab. 1.) Im Jahr 2017 wurden lediglich 84 Kinder unter 3 Jahren in Obhut genommen (0,4%). Es ist davon auszugehen, dass es sich dabei um sog. "begleitete Unbegleitete" handelte, welche entweder von nicht sorgeberechtigten Familienmitgliedern begleitet wurden oder Kinder von selbst noch minderjährig eingereisten Schutzsuchenden waren.

Der weitaus größte Teil der aus diesem Grund durchgeführten Inobhutnahmen (mehr als 90%) betraf minderjährige Jugendliche ab 14 Jahren.

Tab. 1: Inobhutnahmen 2017 aufgrund einer unbegleiteten Einreise nach Altersgruppen (Deutschland; Angaben absolut, Anteil in %)

Reguläre Inobhutnahmen gem. § 42 Abs. 1 Nr. 3 Vorläufige Inobhutnahmen (§ 42a) Inobhutnahmen insgesamt (§§ 42 Abs. 1 Nr. 3, 42a)Anteil in %
Deutschland insgesamt 11.391 11.10122.492100
unter 3 32 52840,4
3 - unter 6 4440840,4
6 - unter 9 95 861810,8
9 - unter 12 172 1613331,5
12 - unter 14 315 4067213,2
14 - unter 16 2.257 2.4134.67020,8
16 - unter 18 8.476 7.94316.41973,0
Quelle: Statistisches Bundesamt (versch. Jahrgänge): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe - Vorläufige Schutzmaßnahmen; Datenzusammenstellung und Berechnung des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund..

Literatur

Deutscher Bundestag (2017): Bericht über die Situation unbegleiteter ausländischer Minderjährige in Deutschland. Bt.-Drucksache 18/11540.